Was kann es heißen, sich heute Marx zu nähern?

Marx in MoskauDie nächsten Jahre bringen uns interessante Jubiläen – so den 150. Jahrestag des Erscheinens des „Kapital“ im Jahr 2017 und ein Jahr später den 200. Geburtstag seines Autors.
Betrachtet man die wissenschaftlichen und konzeptionellen Debatten im linken intellektuellen Feld entsteht der Eindruck, dass die „ismen“ zu einer Schranke für Erkenntnisfähigkeit, Fortschritt und politische Wirksamkeit linken Denkens geworden sind. Das schließt ausdrücklich den Marxismus ein. Man muss konstatieren, dass in den letzten 100 Jahren das Auftauchen neuer Fragen, neuer Akteure, die Veränderung von Welt überhaupt von den verschiedenen „isten“ weniger als Ausgangspunkt der Bereicherung, Erweiterung, Fortentwicklung gemeinsamer Ansätze zum Verständnis der Welt betrachtet, sondern eher als Anlass für Ab- und Ausgrenzung, Abwertungen, Verengung, Diffamierung genutzt wurden. Wie so oft in der Geschichte reproduzierten sich diese Konflikte über die Zeit, wobei die eigentlichen Anlässe aus dem Blick gerieten, neue Generationen diese Abgrenzungen als gegeben und nicht zu hinterfragen übernahmen und als Selbstzweck ausbauten. Dies wurde durch akademische Verankerung und Akademisierung eher verstärkt als aufgelöst.
Auf dieser Ebene lässt sich trefflich und ohne Aussicht auf produktive Ergebnisse streiten. Wer die Basis seiner eigenen Anschauungen nicht bereit ist in Frage zu stellen, wird nur die rhetorische Niederlage des Kontrahenten im Blick haben – um mehr geht es auf dem Feld, das wir im Blick haben, gar nicht mehr. Preis ist die Spaltung der Bewegungen und die Ablösung von den Massen; ein Preis, der im Interesse der reinen Identitäten oft billigend in Kauf genommen wird.
Will man dies nicht, muss man einen Ansatz finden, der auf gemeinsame Wurzeln zurückgeht. Es geht um eine Entdeckungsreise zu den (eigenen) Wurzeln kritischen Denkens und Handelns in Marxscher Tradition. Linkes Denken, und dies legitimiert diesen Ansatz, bezog sich immer direkt oder indirekt auf Marx – sei es zustimmend, sei es ablehnend. Es geht heute um die Vergegenwärtigung dieser gemeinsamen Wurzeln, die Rekonstruktion des Weges, den dieses Denken dann nimmt sowie der Bedingungen, unter denen es sich dabei verändert. Es ginge um eine Diskussion des Marxschen Erbes aus der Perspektive der praktischen Veränderungspotenziale kritischen Denkens.
Ein sinnvoller Bezugspunkt könnte dabei die Methode der Kritik sein, die das Marxsche Schaffen früh zu prägen begann. Die Einheit von Ideologiekritik, wissenschaftlicher Kritik und praktischer Gesellschaftskritik (also –veränderung) wird dabei als das Verbindende (oder der kleinste gemeinsame Nenner) unter den verschiedenen Strömungen, die sich in linkem Selbstverständnis positiv oder negativ auf Marx beziehen, verstanden. Dieser Rückbezug auf den Begriff der Kritik kann ein Angebot untereinander sein, möglicherweise auf anderen Wegen nicht zugängliche Erkenntnispfade gemeinsam offen zu legen und dabei voneinander zu lernen. Es geht also um einen anderen Schwerpunkt des Blickes aufeinander, einen Perspektivenwechsel. Die vielfältigen, teilweise verschütteten Traditionslinien sollten aus diesem Anlass diskutiert und neu bewertet werden.
Die schon angesprochene Einheit von theoretischer und praktischer Kritik selbst sollte ein weiterer Gesichtspunkt der Diskussion sein. Das Bekenntnis zu dieser Einheit stellt sie noch lange nicht her. Die Marxschen Auffassungen entstehen als nichtakademisches theoretisches Wissen und entwickeln sich eher in Kritik akademischer Konzepte bzw. in Abgrenzung zu ihnen. Erst nach 1917 wird der Marxismus zu einer „akademischen Disziplin“. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Akademisierung der Marxschen Traditionslinie diese verändert und möglicherweise auch ihre Lebensfähigkeit, Kreativität, Kritik- und Selbstkritikfähigkeit beeinflusst hat. Dies betrifft Forschungsweise, Lehre und Politische Bildung gleichermaßen. Der Erfolg der Kapital-Lesekurse und der damit zusammenhängenden Satellitenseminare, von Seminaren auf Ferienakademien, das anhaltende Interesse an Luxemburg, Gramci usw. belegen jedenfalls das Interesse, genauso wie die Affinität verschiedener kultureller Formen zu Marx. Sein Erbe überlebte nicht in erster Linie durch die akademische Verankerung, sondern durch eine kulturelle. Soweit der Begriff Marxismus einen Sinn haben sollte, muss er diese Einheit beschreiben.
Falls es richtig ist, dass die Akademisierung des Marxschen Erbes ein Problem darstellt, so muss eine würdigende Rezeption heute anders als im akademischen Korsett erfolgen. Das bedeutet nicht getrennt von einer akademischen Rezeption, sondern mit ihr verbunden. Wie sich bei Zizek oder Dath auf unterschiedliche Weise zeigt, kann die Trennung dieser Seiten schnell zu Verkürzungen oder vielleicht auch Entstellungen führen.

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