Massen sind nicht „vertretbar“. In diesem Sinne ist repräsentative Demokratie immer eine Fiktion. Massen müssen immer die eigenen Formen der Interessenartikulation und der Machtausübung in einem Suchprozess schöpfen können. Wenn eine Partei oder Organisation in diesem Zusammenhang überhaupt eine Rolle spielen kann, dann nur als Kraft, die diesem Suchprozess einen Raum schafft. Erhebt sie in diesem Prozess einen Führungsanspruch, schließt sie diesen Raum und missbraucht das Vertrauen der Massen genauso, wie dies die Gegner tun. Die Erfahrung der Revolutionen zeigt, dass selbst die Verhinderung von „Fehlern“ der Masse in der Konsequenz in einen Rückfall führt – auch wenn er erst Jahrzehnte später sich rächt. Es ist kein Mangel einer Partei, dass sie den revolutionären Ereignissen und dem revolutionären Elan der Massen hinterher hinkt – es ist das (es gehört zum) Wesen einer Partei. Im Unterschied zu den Massen ist eine Partei immer mit der Bürde der Organisationsidentität belastet. Dies kann Massenbewegungen stabilisieren – dynamisieren kann sie diese nur in Ausnahmefällen. Ist die Organisation unfähig, den Potenzen der Masse Spielraum zu geben, entwickelt sie sich zu einem historischen Hindernis. Dies hat nichts mit den subjektiven Beweggründen und Qualitäten zu tun – es ist so und ist unvermeidlich.

Lutz Brangsch (April 2007)