Notizen zur Frage der Rolle der Produktivkraftentwicklung in gesellschaftskonzeptionellen Diskussionen

Beschäftigung mit Produktivkraftentwicklung bedeutet aufzudecken, warum sich die Situation der verschiedenen Akteure in der Gesellschaft verändern, worauf die Veränderung von Kräfteverhältnissen beruht, welche Aufgaben politische Kräfte bei der Entwicklung wirtschaftspolitischer Vorstellungen berücksichtigen müssen… kurz gesagt Technik, Technologien und sonstige Voraussetzungen bzw. Momente des Produktionsprozesses auf ihre gesellschaftliche Qualität, auf ihre Qualität als gesellschaftlich angewandte Produktionsbedingungen hin zu betrachten.

Vor allem die Bewertung von Arbeit in kapitalistischen Unternehmen (als historisch konkreter Ausdruck des erreichen Grades gesellschaftlicher Arbeitsteilung bzw. Vergesellschaftung)  bzw. generell Arbeit in technologischen Zwangsregimen hängt auf das engste mit der Bewertung des Entwicklungsstandes der PK zusammen.

Zu diesen Produktivkräften gehört auch der Mensch mit seinen spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Vom Standpunkt des Produktionsprozesses verhält er sich als Akteur gesellschaftlicher Arbeitsteilung analog einem Werkzeug – er ist ein Moment des gesellschaftlichen Prozesses, in dem er als Individuum seine Anerkennung als gesellschaftliches Wesen erfährt, wie das Werkzeug erst in diesem Prozess zur Produktivkraft wird.

Untersuchung von Produktivkraftentwicklung muss daher letztendlich immer die Rückspiegelung auf die Entwicklung der Produktivkraft Mensch, also des Menschen als gesellschaftliches Wesen einschließen. Insofern Produktivkräfte gesellschaftliche Produktivkräfte sind, und insoweit Arbeitsteilung als Prozess der Realisierung von Poduktivkraft heute ein globaler Prozess ist, muss die Produktivkraftanalyse auf die Erfassung der Totalität der Produktivkraftentwicklung gerichtet sein. Eine einseitige Fixierung auf die Computer- und Internettechnik erschöpft die Problematik nicht: Die Verflechtung der Technologien, die Computer und Internet ermöglichen mit denen, die sie ermöglichen ist so eng, dass die Konstruktion einer Kausalität irrelevant ist. Lasertechnik, Chemie, Metallurgie bzw. Werkstofftechnik (einschl. Biotechnologien) überhaupt, Fertigungstechnik (Mechanik), um nur einige Bereiche herauszugreifen, vergegenständlichen Wissenschaft, machen nur dadurch Computertechnik möglich, können dies aber auch nur, weil sie selber Computer einsetzen. Die Dynamik der Entwicklung der Rechentechnik hängt daher genauso von der Eigendynamik der einzelnen Bereiche ab, wie diese von der Rechentechnik. Der Blick auf den Bildschirmarbeitsplatz als Sinnbild der digitalen Revolution verdeckt wichtige Trends, überbetont eine Art konkreter Arbeit und suggeriert damit das Verschwinden der abstrakten Arbeit – letztlich also das Verschwinden der Gesellschaftlichkeit von Arbeit. Die exzessive Arbeit am Computer steht unvermittelt neben den Verwüstungen im Zuge des Abbaus von für diesen Computer notwendigen Rohstoffen – es entsteht der Eindruck, dies sei ausschließlich ein politisches Problem. Ähnlich brisant das Problem des Energieverbrauchs der heutigen Kommunikationsnetzinfrastruktur. Letztlich kann dies zu deutlichen Zielkollisionen führen – eine signifikante Senkung des Energieverbrauches kann ggf. Internet in der in den westlichen Ländern heute üblichen Form evtl. unmöglich machen ….

Ein Zeichen der Unterschätzung ist auch die weitgehend aus dem Gespräch geratene Technikfolgenabschätzung. Spaltung von Umwelt- und Gewerkschaftsbewegung

Ersetzt wird dies durch Selbstverpflichtungen von Unternehmen (Umweltcharta, Ethikcharta usw.), die sich offensichtlich nicht bewähren bzw. bewähren können.

Dieser ganzheitliche Blick erfordert Ganzheitlichkeit von Aktion; es geht nicht primär um die Umgestaltung der Fertigungskooperation in Unternehmen, sondern um die Wechselwirkungen zwischen den Zweigen. Das Endprodukt, die Materialien, die Technik und die Technologie sind gleichermaßen Produkt von Wissenschaft, vergegenständlichte Wissenschaft, Ausfluss nur in Gesellschaft leistbarer Arbeit.

Der Mensch als Produzent und Konsument des Wissens muss sich in diesem Kontext auf bestimmte Art und Weise bewegen können und bewegen. Er verändert Realität der Produktion und Konsumtion, verändert sich damit selbst. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die den Fabrikarbeiter ggf. sogar hinderten, „gut“ zu arbeiten, sind heute Bedingungen…. Diese heutigen Individuen sind immer Potenzial wie auch Grenze von Veränderung – macht aber auch politische Kulturen, die die Fabrikarbeit unterstellen, obsolet. Auch der Prekarier von Heute ist nicht der Prolet von Gestern.

Der zweite Aspekt ist der der Produktivkraft der Arbeit – die Ökonomie der Zeit als zentrale Tendenz und Triebkraft der Produktivkraftentwicklung bzw. als Triebkraft, die sich über PK (als Gesellschaftsveränderung) realisiert. Zu scheiden die Tendenz (Möglichkeit) von der Realität (gesellschaftliche Form).

Der dritte Aspekt könnte die Frage nach den Arbeitsbedingungen/Charakter der Arbeit sein.

Arbeitsbedingungen seien hier weit gefasst – Fragen des Charakters von Fortschritt – was heißt Fortschritt; Umgang mit Risiken (globalen wie auch individuellen in Innovationsprozessen) – Konstatierung wie auch Bewertung derselben; Bedingungen für Kreativität – was bedeutet in einem gegebenen PK-Umfeld Überwindung von Entfremdung; Bedingungen für Schöpfertum und Eigeninitiative (was heißt Eigeninitiative in einem Fließbandsystem, in Nestfertigung, in Telearbeit); Freiheitsbegriff unter den Determinanten eines gegebenen PK-Charakters (siehe Risikofrage)   

Mai 2007