Politische Kultur - Politische Bildung

 

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Politische Bildung – Politische Kultur

Politische Auffassungen bilden sich auf verschiedenen Wegen. Die wissenschaftsorientierte Aneignung von Wissen ist die eine Seite – in der Vermittlung von Erkenntnissen und Positionen selbst liegt aber immer gleichzeitig auch die Vermittlung einer bestimmten Lebensweise, einer bestimmten Art, anderen Menschen zu begegnen, bestimmte Menschenbilder. Mit einem Wort – Politische Bildung ist immer auch kulturelle Bildung. Die Organisation des Lernprozesses selbst, das Verhalten der Organisierenden und Lehrenden, die Möglichkeiten der TeilnehmerInnen, sich zu artikulieren wie auch das Verhalten der TeilnehmerInnen zueinander haben etwas mit dem angekündigten Gegenstand des jeweiligen Lernprozesses (z.B. einer Veranstaltung) zu tun, haben aber neben dem beabsichtigten Wissenszuwachs aber immer auch andere Folgen. 
Mehr noch gilt dies für eine Art Politischer Bildung, die oft unterschätzt wird, für informelle Lernprozesse. Hier ist nicht die Entwicklung systematisierten Wissens gefragt, sondern vor allem die Entwicklung eines bestimmten Verhaltens, einer bestimmten Kultur. Politisches Handeln in einer Organisation bedeutet auch und in erheblichem Maße das Erlernen von der Organisation eigenen Verhaltensweisen, einer bestimmten Sprache, von Ein- und Ausschließungsmechanismen und bestimmten Ritualen. Gemeinsame Kultur als Katalysator gemeinsamer Interessen war ein wichtiges, wenn nicht das eigentlich entscheidende Moment politischer Organisation. Die Frage ist, inwieweit die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten die Wirkungsweise dieser Beziehungen verändert hat. Das Verschwinden der Fabrik (und der sich auf sie stützenden Infrastruktur) als maßgeblicher Ort informellen politischen Lernens sowie die Veränderung der Familienstrukturen sind dabei zwei entscheidende Faktoren.
Es ist nicht notwendig gegeben, dass das auf dem einen Wege erworbene politische und theoretische Wissen bzw. die entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten mit dem auf dem anderen Wege erworbenen Wissen bzw. den entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten überein stimmt. Die daraus resultierenden Widersprüche müssen vor allem kulturell verarbeitet werden. Man kann sie offen aussprechen oder die Augen vor ihnen verschließen. Die Mitglieder und die Repräsentanten der Organisationen verkörpern dieses Verhältnis als Träger einer bestimmten politischen Kultur, nie einer bloßen Ideologie.
Die Wirkungen dieser widersprüchlichen Beziehung von Bildung und Kultur bestimmen nach innen die Organisationsidentität, nach außen das Bild der Organisation. Organisationen werden nie als rein theorie- und politikzentrierte Gebilde wahrgenommen, sondern vor allem als kulturelle, die auch für einen politischen Anspruch stehen. Aus der Außensicht spielt die Lebensweise und Kultur, für die eine Organisation steht, über längere Zeit betrachtet eine wichtigere Rolle, als die im jeweiligen Moment aktuellen politischen Positionen und Entscheidungen. Diese selbst werden viel stärker als kulturelle Entscheidungen wahrgenommen, als sich dies die Organisationen eingestehen. Daraus resultiert z.T. die Zuschreibung bestimmter Kompetenzen an bestimmte Parteien, unabhängig von ihrem realen Handeln oder der Wirksamkeit dieses Handelns.
Eine spezifische Form der Vereinigung von Bildung und Kultur ist die künstlerische Aneignung von Wirklichkeit. Der bewusste Umgang mit derartigen Formen haben immer eine große Rolle gespielt – sei es in Riten (Gottesdienst, gemeinsame Gesänge auf Parteitagen) oder in Formen gemeinsamer künstlerischer Betätigung – erinnert sei an die Arbeiterchöre oder an die Lehrstücke von Brecht, an Arbeiterfestspiele usw.usf. Genauso gehört dazu die künstlerische Verarbeitung des Handelns, der Erfahrung und der Geschichte der eigenen Organisation, Klasse oder Schicht. Für die deutsche Linke lassen sind verschiedene Wege und Personen zu benennen: in Literatur (Bredel, Marchwitza, Renn usw.), Theater (z.B. Brecht, Friedrich Wolf), Film (etwa „Kuhle Wampe“) oder Musik (z.B. Eisler), Malerei (Otto Nagel…) usw. Für die Zeit nach 1945 ließen sich für beide deutsche Staaten und ab 1990 für das neue Deutschland eine ganze Reihe weiterer Beispiele aufführen. 
Das Zusammentreffen von Kultur und Bildung in der Kunst, in Auseinandersetzung mit Kunstwerken bzw. künstlerischer Betätigung bringt eine neue Qualität des Lernens hervor. Kunst ist nicht einfach Mittel oder verschönertes Beiwerk von politischen Bildungsveranstaltungen. Dieses Zusammentreffen zieht „die große Politik“ auf die Ebene des Persönlichen, stellt gleichzeitig das Persönlichste in den Kontext der „großen Politik“. 
Daraus ergibt sich für die politische Bildungsarbeit einer Partei eine Reihe von Fragen, die im Rahmen des Bildungstages bearbeitet werden sollten:


• Was ist heute eigentlich linke kulturelle Praxis? 
• Von welchem Menschenbild und welchem Organisationsverständnis geht die Politische Bildung der LINKE aus?
• Welche Konsequenzen ergeben sich für die Organisation und die Gegenstände von Lernprozessen, wenn Bildungsanstrengungen immer auch kulturelle Folgewirkungen haben?
• Welche Anforderungen an Orte für Bildungsarbeit müssen wir stellen? Welche Konsequenzen ergeben sich bezüglich der Bewahrung öffentlicher Räume als Lernorte?
• Welche Möglichkeiten gibt es, künstlerische Formen der Aneignung von Wirklichkeit in Politische Bildungsarbeit zu integrieren?

 

Lutz Brangsch, Juli 2008