Versuch zur Geschichte als politische und Wirtschaftsgeschichte

 

Was macht Gesellschaft aus, was macht den Menschen aus? Die Antwort auf diese Fragen bestimmt die Antwort auf die Zukunft von Arbeit und Sozialem, der nach dem, was Freiheit und Verantwortung bedeuten und bedeuten können. Keine der Fragen und der möglichen Antworten sind voraussetzungslos. Wir Menschen als Individuen im engsten Sinne wie auch als gesellschaftliche Wesen sind nicht frei - in beiderlei Hinsicht bewegen wir uns immer als Träger von Geschichte. Unsere Erfahrungen, unsere Werte und Antriebe sich sowohl biologisch-geschichtlicher wie auch gleichzeitig gesellschaftlich-geschichtlicher Natur. Das Bindeglied zwischen beidem ist die Arbeit. Arbeit im Sinne der zielgerichteten bewussten Auseinandersetzung mit der Natur, der bewussten Veränderung der Umwelt entsprechend den eigenen Bedürfnissen und des eigenen Zusammenlebens. Die Gleichzeitigkeit von Naturveränderung und gesellschaftlicher wie auch individueller Fortentwicklung macht den Unterschied von Mensch und Tier aus. In zunehmendem Maße erfordert die Veränderung der Natur nach den immer wieder neu entstehenden Bedürfnissen der Menschen gemeinsames koordinierte Handeln immer größerer Menschenmassen. Ein erreichtes Maß an Bedürfnisbefriedigung erscheint der folgenden Generation als normal, als unbedingt zu befriedigende Bedürfnisse, die die Grundlage für neue Arten der Produktion, für neue Gegenstände der Konsumtion. Was noch vor zwanzig Jahre eine gute Drehbank, bedient von einem noch teilweise nach handwerklichen Traditionen ausgebildeten FacharbeiterInnen ausmachte, erfordert heute eine CNC-gesteuerte Maschine, die von Fachkräften anderer Art bedient werden. Heute wird mit einem billigen Heim-PC eine Rechenleistung realisiert, die nicht mit der der ersten kommerziell genutzten Computern in Hausgröße zu vergleichen ist. Und was wird mit dieser Rechenleistung gemacht - Mann (bisher ist diese Geschlechterfixierung auch berechtigt) ... spielt, spielt Spiele, die zu einem großen Teil in den Siebzigern noch als militaristische Machwerke betrachtet worden wären oder Spiele, wo Arbeit gespielt wird, vornehmlich, indem man andere arbeiten lässt. Aus der damaligen Sicht eine sinnlose Verschwendung , aus der heutigen Sicht ein normaler Vorgang, der aus der Wechselwirkungen von Produktion und Konsumtion, von Möglichkeiten und konsumtiven und produktiven Bedürfnissen (also Bedürfnissen in den Sphären der Produktion und der Konsumtion) erwächst. Diese aus der Sicht der sechziger Jahre hier vor sich gehende Verschwendung ist aber selbst nun Voraussetzung dafür, dass Menschen n der Produktion mit modernen Maschinen, mit Computern, mit neuen System der Produktion von Gütern und Leistungen umgehen können - in diesem Sinne produziert die Konsumtion auch einen den Anforderungen in anderen Bereichen adäquate Fähigkeiten und Fertigkeiten, sie produziert einen bestimmten Typ von Produzenten. Egal, ob der Übergang vom Faustkeil zum Metallwerkzeug, oder von der klassischen Drehbank zur CNC-gesteuerten Maschine, ob von der Tontafel zum CAD-System betrachtet wird - immer werden wir diese Wechselwirkungen beobachten.

Menschen oder Menschengruppen spezialisieren sich in diesem Prozess, nicht jede/r kann (und muss) alles können. Diese Einheit erscheint als Arbeitsteilung und ihre Veränderung. Anfangs naturwüchsig - Arbeit verteilt sich nach körperlicher Konstitution, Talent und Erfahrung - vererbt sich schließlich die Arbeitsfunktion, die Stellung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und verwandelt sich in ein Moment von Machtverhältnissen. Vor allem sind es die geschlechterspezifische Arbeitsteilung und Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit, die neben die Spezialisierung auf bestimmten Tätigkeitsfeldern die soziale Differenzierung als Differenzierung in der Aneignung der Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit umschlagen lässt. Geistige Arbeit als Organisation der Produktion, als Monopolisierung von Wissen um den Lauf der Jahreszeiten, um den zu erwartenden Zeitpunkt von Überflutungen, somit um den richtigen Zeitpunkt von Saat und Ernte, um die Heilung von Krankheiten usw. erscheint als außerordentliche Fähigkeit, die zu einer Bevorzugung bei der Umverteilung von Gütern und Leistungen (Distribution) privilegiert. In der Situation, dass Menschen mehr produzieren, als sie individuell verbrauchen können (und auch erst auf dieser Stufe der Entwicklung der Gesellschaft) entstehen Klassen, entsteht die Möglichkeit für einen Teil der Gesellschaft, sich schließlich notfalls auch mit Gewalt Teile des von anderen produzierten Reichtums der Gesellschaft anzueignen. Die Möglichkeit dieser Differenzierung liegt in der Arbeitsteilung und der mit ihrer Fortentwicklung wachsenden Produktivität der Arbeit die Realisierung der Möglichkeit ist ein gesellschaftlicher Akt, ein Akt zu dem nur der Mensch in einer Gesellschaft fähig ist. Ist das Überleben der Gemeinschaft oder Gesellschaft in den frühen Etappen der Entwicklung davon abhängig, dass alle ihren Anteil in der Produktion leisten, die Sorge um Kinder und Alte sowie um die, die aus welchen Gründen auch immer nicht an der Produktion teilhaben können eine spontanurwüchsige gemeinschaftliche Angelegenheit, wandelt sich dies mit der Entstehung der Klassengesellschaft. Der Ausschluss aus der Produktion oder das Verwähren des Zugangs zu Produktionsmitteln, etwa dem Boden, wird zu einem Moment der Klassenherrschaft. Bedürftigkeit, ursprünglich Resultat von Elementarereignissen, ist nun sichtbar ein Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse, das Resultat von Machtverhältnissen zwischen Menschen. Sie nimmt einen politischen Gehalt an, wird zu einer Bedrohung der Stabilität des Gemeinwesens, da sie sichtbar die Frage nach der Gerechtigkeit der Umverteilungen stellt. Für die Familien, nicht nur für den Einzelnen, wird sie immer zu einem existenziellen ökonomischen Risiko. Die Befestigung und Vertiefung der Arbeitsteilung auf der einen und der sozialen Ordnung, letztere hier gesehen als Ordnung der Eigentumsrechte, Regelungen von Steuern und Abgaben, Erbschaft, Ehe, zu Kauf und Verkauf usw. auf der anderen Seite bringen den Staat hervor, in dem sich die Machverhältnisse scheinbar losgelöst von den Klassen und Individuen zu materialisieren, objektivieren scheinen. Tatsächlich bleibt dabei die Entwicklung der Arbeitsteilung, die Schaffung von Spielräumen für deren Entfaltung als Voraussetzung für ein wachsendes Mehrprodukt Ausgangs- wie auch Endpunkt staatlichen Handelns. Der Staat muss dabei die Interessen und die Handlungsmöglichkeiten der entstandenen Klassen in Rechnung stellen; Arbeitsteilung heißt auch, dass die subalternen Klassen Gewicht erhalten, sie sind als Handwerker, Bauern, Handlungsgehilfen auch nicht ohne weiteres ersetzbar, ihre Interessen haben Legitimität. Der Staat und seine Angestellten selbst sind so Produkt der Arbeitsteilung und Moment von Arbeitsteilung sowie Bedingung der Fortentwicklung von Arbeitsteilung. Er schützt die herrschende Klasse nicht nur vor den Unterdrückten, sie schützt die herrschende Klasse gleichzeitig vor sich selbst, indem er den Raubau an der entscheidenden Produktivkraft, dem Menschen, beschränkt. Am Anfang steht dies im Vordergrund - später verselbständigen sich diese Funktionen, so auch die des Schutzes der Bedürftigen und der Arbeitenden in eigenen Werten, Normen, Moral und Ethik; so erhalten sie aber wiederum den Charakter einer Bedingung der Weiterentwicklung der Gesellschaft - sie sind nicht beliebig austauschbar, ansetzbar oder abzuschaffen. Staat tritt auf als Sicherung der Machtverhältnisse, Gewährleistung von Regularien, die die Verlässlichkeit des Austausches in der arbeitsteiligen Gesellschaft sichern, als Garant von Werten und Normen des Verhaltens der Menschen untereinander. In den staatlich garantierten Zunftordnungen etwa zeigt sich am deutlichsten, wie sehr Entwicklung von Arbeitsteilung und staatliche Intervention zusammenfallen, in der Armengesetzgebung und der religiös legitimierten Wohlfahrt inwiefern beide mit der Entwicklung des Sozialen verbunden sind. Jeder Versuch, diese Beziehungen grundsätzlich zu verändern führen in der Regel zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen bedeuten Umbruch in den Herrschaftsverhältnissen, der Dominanz der einen oder anderen Klasse. Ausgangspunk dieser Versuche sind wiederum immer Veränderungen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die neue Rahmen für ihre Realisierung brauchen Die Perfektion handwerklicher Fertigung und die Vervollkommnung der Handelsbeziehungen produzieren neue Bedürfnisse und einen neuen Typ von ProduzentInnen erfordern aber auch neue Massen an ProduzentInnen, die in persönlicher feudaler Abhängigkeit leben bzw. als Bauern kleine Warenproduktion oder Subsistenzwirtschaft betreiben und so den Manufakturen und entstehenden Fabriken nicht zur Verfügung stehen. Die einen können sich nicht - die anderen brauchen sich nicht diesem neuen Produktionsregime unterwerfen. Die Handwerker schützen sich durch Schließung der Innungen und Zünfte gegen die neue Konkurrenz, erwachsend auf der Grundlage ihrer eigenen Fähigkeiten und Techniken, diese aber entwertend und überwindend. Die deklassierten, Tagelöhner, Verarmten finden noch genügend Poren in der Gesellschaft, um den Zwängen dieses neuen Produktionsregimes ebenfalls zu entgehen. Die Durchsetzung des Fabriksystems als neue Stufe von Arbeitsteilung und Reichtumsproduktion setzt die massenhafte Verfügbarkeit von Arbeitskraft, die auf den Gelderwerb in den Fabriken angewiesen ist, voraus - genauso aber massenhafte Käufer der produzierten Waren. In der vorkapitalistischen, vorrangig agrarischen bzw. durch Handel geprägten Gesellschaft fehlt dieser massenhafte Bedarf. Haushaltsgeräte und Nahrungsmittel werden oft in den Familien oder Dorfgemeinschaften produziert, also ohne Marktbeziehungen zu erfordern. Die Ruinierung der Kleinproduzenten und die Zerschlagung der sich selbst versorgenden sozialen Verbände, also wiederum der Eingriff in die Art gesellschaftlicher Arbeitsteilung, hier in der Kombination politischer und ökonomischer Prozesse, und eine Armengesetzgebung, die die BettlerInnen, Landstreicher und Verarmten in Arbeitshäuser und so in die Produktion zwingt, produzieren eine neue soziale Schicht, die schließlich als Proletariat, persönlich frei (da nicht mehr den feudalen persönlichen Abhängigkeiten unterworfen) und frei von Mitteln, den eigenen Lebensunterhalt zu produzieren frei von Produktionsmitteln, sich konstituiert. Diese/r doppelt freie LohnarbeiterIn verliert schließlich jede Fähigkeit, sich außerhalb eines Arbeitsverhältnisses durch Verkauf seiner Arbeitskraft das Leben zu erhalten. Handwerkliche und bäuerliche Fähigkeiten, noch vor historisch kurzer Zeit miteinander verbunden, trennen sich, die Manufaktur- und schließlich die FabrikarbeiterInnen werden bestenfalls zu SpezialistInnen einer Tätigkeit, wenn nicht gar in den Status von einfach anzulernenden und damit jederzeit auswechselbar versetzt. Wesentlich ist jedoch eine Fähigkeit, die sie haben müssen - die Fähigkeit zur Kooperation zur Einhaltung fester Regeln, auch auf Kosten eigener Kreativität. Zwang und Erfahrung gemeinsamer kooperativer Arbeit in massenhaftem Zusammenhang prägen diese neuartige Gruppe von Menschen schließlich zu einer Klasse, die in ihrer Aktionsfähigkeit und Fähigkeit zur Selbstorganisation in Gewerkschaften und Parteien die politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägt.

Diese Klasse ist aber bei weitem nicht so homogen, wie es mitunter erscheint. Es gibt von Anfang an auch in dieser Klasse Hierarchien nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Religion, sexueller Orientierung oder konkreter Arbeitstätigkeit und Qualifikation. Diese Unterschiedlichkeiten und die Unfähigkeit des Umgangs mit ihnen wird sich in der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung als Sprengstoff erweisen, der mit dem Untergang des Realsozialismus und des sich in kommunistischer Tradition stehend sehenden Teils der linken Bewegung offensichtlich werdende Niederlage den Abschluss einer Entwicklungsetappe dieser Bewegung zu markieren scheint.

 

Aber nicht nur das Proletariat verändert sich. Für die Art und Weise, wie die Unternehmer als Klasse (Kapitalisten) sich entwickelt, trifft diese Veränderung genauso zu.

Wie die ArbeiterInnen sich aus alten Schichten und Klassen absondern, geschieht dies auch mit den Kapitalisten. Das Bestreben, aus Geld mehr Geld zu machen, ist natürlich nicht die Spezifik der Ära, die Kapitalismus genannt wird. Dies taten auch Wucherer und Kaufleute, auch Handwerker mögen davon angetrieben worden sein. Diese Schichten hatten in früheren Gesellschaften immer eine Bedeutung, zu das politische und kulturelle System beherrschenden Kräften konnten sie aber nie werden. Sie stützten sich in ihrer Arbeit auf die eigene Arbeitskraft, auf die der Gesellen in den Handwerksbetrieben, auf die Arbeit von Tagelöhnern oder Handlungsgehilfen. Beherrschend waren aber die feudal-agrarische Produktion und die amit verbundenen persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, denen auch die genannten Schichten ausgesetzt waren. Weder erforderten die genannten Unternehmungen große Massen an Arbeitern, noch hätten die Unternehmungen große Massen an Beschäftigten aufnehmen können, da die Märkte vor allem lokal waren. Die Rebellion der Städte gegen die feudale Oberhoheit im Zuge des Deutschen Bauernkrieges (auch frühbürgerliche Revolution genannt), die englische Revolution und schließlich die Französische Revolution bezeichnen als politische Umwälzungen Schritte, in denen sich z.T. ausgehend von den alten kapitalistenähnlichen Schichten eine völlig neue Klasse konstituiert, die nicht in den Spielräumen, die ihnen die feudale Oberschicht bietet existiert, sondern die die Gesellschaft prägt und ihrerseits die feudalen Schichten integriert bzw. politisch oder ökonomisch vernichtet.

Warum wird dieser Übergang, der gleichzeitig ein qualitativer Umbruch ist, möglich? Es ist der Feudalismus selbst, der diese Entwicklung in Gang setzt. Die Bedürfnisse des Hofes, die Befestigung der Macht der Feudalstaaten durch territoriale Eroberungen sind die Grundlage für eine Entwicklung in Technik und Wissenschaft, die die Machtbasis der Feudalklasse untergräbt. Die koloniale Expansion, die Zeit der großen Entdeckungen, hebt der Fernhandel, die Schiffsbaukunst und die Wissenschaft auf ein neues Niveau. Die Perfektionierung des Handwerkes und die Notwendigkeit, Bergbau unter zunehmend schwierigeren Bedingungen zu betreiben bringt wissenschaftliche Autodidakten hervor, die außerhalb der Zunftzwänge Erfindungen hervorbringen, die die technische Seite der Umwälzungen begründen. Die Dampfmaschine, die Spinnmaschine, der mechanische Webstuhl und schließlich die Werkzeugmaschine sind die technischen Errungenschaften, die als Produktionsmittel die Basis für den Aufstieg der neuen Klasse der Kapitalisten schaffen. Sie begründen die Überlegenheit der mit ihnen erzeugten Produkte in Preis und oft auch Qualität und in Masse. Im Unterschied zu früheren Gesellschaften setzt der Kapitalist von vornherein sein Geld ein, um auf dem Markt zwei Dinge zu kaufen, die aus seiner Sicht gleich sind - die Maschinen und Rohstoffe für die Produktion auf der einen, aber auch Arbeitskraft auf der anderen Seite. Er verwandelt also sein Geld in Ware (Maschinen, Rohstoffe, Arbeitskraft), setzt es in der Produktion ein, verkauft die erzeugte Ware und erzielt einen Erlös, der die Kosten der vorher eingekauften Ware ersetzt und ihm außerdem einen Gewinn zufließen lässt. Das eingesetzte Geld wird eingesetzt, um mehr Geld zu werden - dies ist die Spezifik des Kapitals - es ist sich selbst verwertender Wert. Die Ware ist nur Mittel, um diese Verwertung zu bewerkstelligen.

Aber die Anschaffung der Maschinen ist teurer, als die Einrichtung eines Handwerksbetriebes. Auch ist es für den industriellen Kapitalisten schwierig, die Waren selbst an die VerbraucherInnen zu verkaufen, wenn er doch einen technisch komplizierten Organismus, wie es eine Fabrik ist, leiten muss. Banken und Handelsunternehmen werden so in den Kreislauf des Kapitals einbezogen, werden damit auch zu kapitalistisch organisierten Unternehmen.  

Staat (Politik), Wirtschaft und Soziales entstehen und entwickeln sich so in Einheit, in gegenseitiger Abhängigkeit und Bedingtheit.

 

Lutz Brangsch (Sommer 2006)