Karl Liebknecht

 Am 13. August diesen Jahres jährt sich der Geburtstag Karl Liebknecht zum 132. mal. Heute wird er bestenfalls in Verbindung mit dem Rosa Luxemburgs genannt. Seine Leistungen in der deutschen Sozialdemokratie sind kaum noch bekannt. Meist wird sein Name noch mit seiner konsequent antimilitaristischen Haltung verbunden, die ihn1914 gegen die Bewilligung der Kriegskredite stimmen ließ.

Die Beharrlichkeit und Leidenschaft des Antimilitaristen prägten sein Handeln insgesamt. Sein persönlicher und politischer Werdegang unterscheidet sich aber von dem Rosa Luxemburgs z.T. deutlich. Trotzdem oder auch gerade deswegen sollte er als eigene politische Gestalt nicht in Vergessenheit geraten. Annelies Laschitza verweist auf diesen Umstand in ihrem sehr zu empfehlenden Aufsatz „Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ein biographischer Vergleich“[1] und warnt davor, „dass Karl Liebknecht als Persönlichkeit der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts verblasst, dass er künftigen Generationen so gut wie unbekannt bleiben wird.“[2]

Überliefert sind vor allem Parlamentsreden, Artikel mit Berichten über seine Reden auf Veranstaltungen der Sozialdemokratie, Briefe sowie unveröffentlichte Notizen und Manuskripte. Tatsächlich ist der Antimilitarismus eines der hervorstechenden Merkmale und in gewisser Weise auch ein roter Faden im Wirken Liebknechts. Allein dies wäre bereits Grund genug, ihn eben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In seinem Manuskript „Betrachtungen und Erinnerungen aus der „großen Zeit““, in dem er seine Sicht auf die Politik der Reistagsfraktion und der SPD ab 1914 entwickelt, lässt sich sein Weg, der ihn schließlich zu einem Mitbegründer der KPD werden lässt, anschaulich und mit all seinen Problemen nachvollziehen. Seine Arbeiten zur Rüstungsindustrie und zur Analyse des Imperialismus rufen auch heute noch Interesse hervor.

Obwohl dieser Antimilitarismus in vielerlei Hinsicht sein Wirken prägte, verkörperte er auch den Typus eines im guten Sinne universellen Politikers. Die Reduktion auf seinen Antimilitarismus wird Liebknecht aber nicht gerecht, ja verfälscht ihn sogar in gewisser Weise. Seine Parlamentsreden vereinten immer eine scharfsichtige Analyse und mit der schonungslosen Aufdeckung von Ursachen  politischer und sozialer Missstände und den hinter diesen Missständen stehenden Interessen. Als Jurist war er bei wichtigen innenpolitischen Themen gefragt. In seinen Beiträgen befasste er sich mit Kommunalpolitik, sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Fragen u.v.a.m.  Im Parlament und in der SPD arbeitete er zur preußischen Kommunalverfassung, zum (preußischen) Zweckverbandgesetz, zur Sicherung der öffentlichen Wasserversorgung, zur Humanisierung des Strafvollzuges und der „Irrengesetzgebung“, zu Steuer- und Beihilfenfragen, zum Wahlrecht und immer wieder zu Militarisierung und Rüstungslobby. Breite der Themen und beißende Rethorik in der Sache ohne Oberflächlichkeit waren Merkmale, die heute noch an seinen Reden, Schriften und Notizen beeindrucken.

Ein sich daraus ergebendes, aber weniger beachtetes Kontinuum seines politischen Lebens ist die Auseinandersetzung mit Staat und Demokratie. Von den Leitsätzen zur Verwaltungsreform in Preußen (1910) bis zu seinen Notizen über die russischen Revolutionen (1917/18) ist dieses Thema immer wieder präsent. In diesen letztgenannten Notizen hebt er mit großem Nachdruck hervor, dass die Massen Demokratie prägen müssen, nicht Vertretungskörperschaften. Den Versuch, die „unverfälschte“ Meinung der Massen in Vertretungen widerzuspiegeln, nennt er „Quadratur des Kreises“ – und sagt gleichzeitig, dass ein Ausweg aus diesem Dilemma schwer zu finden ist. Mit seiner Analyse der „Wirkung politischer Niederlagen“(1918)[3]  wirft er in origineller Weise das Problem der Beziehung von parlamentarischer Präsenz, Regierungsbeteiligung und außerparlamentarischer Bewegung auf.

Der universelle Parlamentarier, Rechtsanwalt und Antimilitarist Liebknecht verkörpert genau durch das Zusammenfallen dieser Seiten seines politischen Lebens noch deutlicher etwa als Luxemburg den Scheidepunkt, an dem die SPD und die Arbeiterbewegung insgesamt nach 1914 angelangt waren. Das Verfolgen der Entwicklung, die Liebknecht in dieser Zeit durchgemacht hat, kann helfen, den Prozess der Spaltung dieser Bewegung besser zu verstehen. Seine Entscheidung, nach offensichtlich heftigen inneren Kämpfen den Bruch mit der Partei, die einst durch seinen Vater mit geprägt wurde, zu vollziehen, ist Resultat und Konsequenz der erlebten Unmöglichkeit, in der Sozialdemokratie des Jahres 1918 seine antimilitaristischen und demokratischen Ziele zu verwirklichen. Mit seiner Ermordung verschwindet ein wichtiger intellektueller Faktor für die weitere Entwicklung der entstehenden kommunistischen Bewegung.

Warum sollte Karl Liebknecht auch zukünftigen Generationen ein Begriff bleiben? Sicher darum, weil sein politisches Handeln nie Selbstzweck und nie einspurig war. Auch wenn er dies nie theoretisch entwickelte, sah er sein parlamentarisches Wirken immer in breitere gesellschaftliche Bewegungen eingebunden. Sein Auftreten gegen Militarismus und Krieg war untrennbar verbunden mit dem Eintreten für Demokratie und für soziale Belange. Karl Liebknecht war nicht die Ikone, zu der er dann leider gemacht wurde – er war ein zaudernder wie auch ein konsequenter Mensch, der Intelligenz und Kultur mit dem Kampf für seine sozialistischen Ideale selbstverständlich verband. Er steht damit für eine politische Kultur, die es wieder zu erringen gilt.



[1] Veröffentlicht in: Rosa Luxemburg. Historische und aktuelle Dimensionen ihres theoretischen Werkes. Hrsg. Klaus Kinner/Helmut Seidel (Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus Band III) Berlin 2002, S.215-237

[2] ebenda S. 215f.

[3] Theoretisches über die Wirkung erfolgloser politischer Aktionen in Karl Liebknecht Gesammelte Reden und Schriften Band IX Berlin 1982 S. 460-462